Ship the Earth
Schiffbau inmitten der trockenen Halbwüste von New Mexico läuft etwas anders ab als an den vielen Meeresufern, wo über Jahrtausende natürliche Ressourcen geplündert worden sind, um in See stechen zu können ...
Was tun mit den unzähligen Altreifen, die weltweit als Abfall der automobilen Fortbewegung so manchen Müllberg wachsen lassen? Deponieren? Verbrennen? Als Schwimmreifen nutzen? Oder als Spielplatzschaukel? Oder Häuser daraus bauen? Ähh, ja, Häuser bauen wäre vielleicht tatsächlich mal eine Möglichkeit, ein paar von den Dingern sinnvoll unter Dach und Fach zu bringen. Wären ein billiges Baumaterial. Und Material gäbe es genug. Also?
Häuser aus Abfällen
Wie uns Christian Kuhtz mit seinen tollen Beiträgen in jeder Regenwurm-Ausgabe zeigt, kann aus Abfällen oft relativ einfach allerhand Brauchbares gebastelt werden. In der kreativen „Einfälle statt Abfälle“ - Manier lassen sich aus Müll nicht nur widerliche Slum-Baracken, sondern durchaus auch sehr schmucke Behausungen errichten, auf die so mancher Betonklotz-Bewohner neidisch sein könnte. Rund um Taos, New Mexico, gibt es hierfür etliche Anschauungsobjekte. Außer den bereits erwähnten Autoreifen werden dort in den sogenannten „Earthships“ auch alte Glasflaschen oder Aludosen verbaut. Zwar werden auch Nicht-Abfall-Ressourcen wie Holz, Glas oder Metall verwendet, doch ist deren Anteil an der gesamten Bausubstanz recht gering.
Isolation durch thermische Masse
Der Hauptbaustoff ist letztlich ohnehin die vor Ort anstehende Erde. Mit dieser sind die Reifen, aus denen die meisten Wände aufgebaut sind, gefüllt und hinterfüllt. Durch die große thermische Masse an Erde, die in und hinter die Reifen der West-, Nord- und West-Außenwände geschüttet ist, sind diese Seiten hervorragend wärmeisoliert. Die Südseite hingegen ist komplett verglast und erlaubt so dem Sonnenlicht, den Innenbereich auszuleuchten und zu erwärmen. Bei entsprechender Konstruktion der Glasfront kann die tiefstehende Wintersonne sehr weit in die Räumlichkeiten hineinstrahlen und diese aufwärmen, während die hochstehende Sommersonne nur den vorderen Bereich hinter dem Glas überstreicht.
Sonne und Wasser zum Leben
Der vordere Intensiv-Lichtbereich kann als Gewächshauszone zur Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Das für die Pflanzen benötigte Wasser findet bereits zum zweiten Mal Verwendung im Hause. Vorher wird es zunächst als Niederschlagswasser vom Dach gesammelt, gespeichert und zu Trinkwasser aufbereitet. Nach der Trinkwasser-Nutzung und anschließenden Indoor-Bewässerung findet sich das kostbare Nass in der Toilettenspülung wieder, von wo aus es nach angemessener Behandlung weiter zur Gartenbewässerung wandert. Somit erfahren die H2O-Moleküle, die auf ein Earthship-Dach prasseln oder sich als Schneekristalle dort zur Ruhe legen eine vierfache Nutzung, ehe sie im hausnahen Gartenboden versickern oder erneut in die Atmosphäre verdunsten oder vereint mit anderen Molekülen Nahrungspflanzen heranwachsen lassen.
Ein Haus für die Zukunft?
Setzt man nun aufs oder neben das Haus noch Solaranlagen, Windkrafträder und vielleicht sogar einen Biogasfermenter ist es gar nicht so unkomfortabel, energieautark in einem solchen Altreifenhaus zu leben. In einer Zeit, in der etliche Ressourcen in vielerlei Hinsicht verknappen sicherlich ein großes Plus. Allerdings ist es noch nicht wissenschaftlich untersucht, ob nicht durch Strahlungen oder Ausgasungen der verwendeten Materialien gesundheitliche Beeinträchtigungen zu befürchten sind. Die Freundin, mit welcher ich letztes Jahr eines der Earthships besichtigte, meinte, eine störende Ausstrahlung wahrzunehmen. Andererseits gibt es wohl Earthships, die seit über 20 Jahren von den gleichen Personen bewohnt werden. Diese spüren angeblich keine gesundheitlichen Nachteile dadurch und sind dem Vernehmen nach immer noch von ihren Erdschiffen begeistert. Ich bin jedenfalls auch begeistert von diesem gewieften Konzept. Was wohl die Regenwürmer in den Earthship-Wällen davon halten?
Internet: www.earthship.org
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